DUIN: Wir müssen den Schaustellern helfen – und die Wiesn neu denken

Für mich als begeisterten Wiesn-Gänger wiegt die Corona-bedingte Oktoberfest-Absage doppelt schwer. Zum einen vermisse ich schon jetzt das Münchner Wiesn- und Lebensgefühl, diese urtypische Heiterkeit und Leichtigkeit der ganzen Stadt. Zum anderen mache ich mir ernsthaft Sorgen um die ohnehin schon arg gebeutelte bayerische Tourismusbranche, für die das Fehlen des weltweit größten Volksfestes eine Katastrophe ist.
Ein Beitrag von Albert Duin.

Albert Duin

Der Wirtschaftswert der Wiesn liegt bei 1,4 Milliarden Euro. Allein die Hotels in München und Umgebung nehmen in den 16 Tagen eine halbe Milliarde Euro ein. Etwa 13.000 Arbeitsplätze gibt es auf der Theresienwiese, wo in den Bierzelten, Fahrgeschäften und Verkaufsbuden etwa 440 Millionen Euro umgesetzt werden. Besonders hart trifft die Absage Schausteller und Budenbetreiber, stellt die Wiesn doch alljährlich die Haupteinnahmequelle dar.

Das sind die nüchternen Fakten und nackten Zahlen. Doch dahinter steckten verdammt noch einmal unzählige Schicksale! Menschen und Familien, deren Existenzen massiv bedroht sind – und deren Sorgen von der bayerischen Staatsregierung komplett ignoriert werden! Warum? Weil Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger ihnen nur leere Versprechungen gemacht hat.

Auf der Demonstration der Schausteller und Marktkaufleute auf dem Münchner Odeonsplatz ließ sich Aiwanger im Juli noch für sein Hilfsangebot und Sprüche wie 'Ihr seid systemrelevant, weil ihr Lebensfreude produziert' feiern. Dabei hatte er nur wenige Stunden zuvor unseren Dringlichkeitsantrag, der bei der Überbrückungshilfe die Deckung der Lebensunterhaltskosten in angemessener Höhe ermöglicht hätte, mit den Stimmen von CSU und Freien Wählern abgelehnt.

Eine solche Dreistigkeit sucht ihresgleichen!

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Ausgerechnet in dieser verheerenden Wirtschaftskrise hat die Stimme des Wirtschaftsministers in der bayerischen Regierungskoalition überhaupt kein Gewicht. Auf Druck der CSU gibt es immer noch keine zielgenauen Hilfen, die den Lebensunterhalt der Schausteller und Marktkaufleute sichern würden. Während andere Landesregierungen wie Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen oder Schleswig-Holstein diese Lücke im Rettungsschirm des Bundes längst geschlossen haben, bleibt den Betroffenen in Bayern meist nur noch der Weg zum Sozialamt.

Die Verbitterung der zahlreichen Klein- und Familienbetriebe sowie der selbstständigen Einzelunternehmer kann ich sehr gut nachvollziehen. Dabei gehören doch Volksfeste und Märkte zum bayerischen Kulturgut. Ohne Schausteller sind sie undenkbar. Für unser Bayern von morgen müssen wir daher alles tun, um diese Branche zu unterstützen und zu retten. Wir müssen dafür sorgen, dass die Schausteller und Budenbetreiber steuerfreie Rücklagen bilden können, dmit sie künftig in derartigen Ausnahmesituationen wirklich von ihrem Ersparten leben können.

Wir müssen aber auch neu denken, mutige Konzepte entwerfen und die Wiesn neu aufstellen. Warum nicht die Standorte der Bierzelte neu setzen, um das dichtgedrängte Wiesn-Leben zu entzerren? Warum nicht den öffentlichen Nahverkehr mit einem Wiesn-Ticket stärken, bei dem die erste Mass umsonst ist? Warum nicht den Festbetrieb um eine Woche verlängern, damit sich der Andrang entzerrt? Warum nicht den jedes Jahr "Sommer in der Stadt" feiern, und in ganz München Fahrgeschäfte, Buden und auch Bierzelte aufstellen?

Wir sollten diese Krise als Chance nutzen! Nicht nur für den Freistaat Bayern und die Stadt München, sondern für all die Menschen und Familien, die uns immer dieses unvergleichliche Lebensgefühl Wiesn schenken!