Bildungschancen aus der Krise I: Vom Wechselunterricht zum Flipped Classroom

Dringlichkeitsantrag der Abgeordneten Martin Hagen, Matthias Fischbach, Julika Sandt, Alexander Muthmann, FDP (Fraktion)

Der Landtag wolle beschließen:

Der Landtag stellt fest: Das Format des Wechselunterrichts stellt unsere Schulen in Bayern vor neue Herausforderungen. Während des Unterrichts für die in Präsenz lernenden Schülerinnen und Schüler müssen die Lehrkräfte gleichzeitig ein attraktives Lernangebot für den zuhause lernenden Teil der Klassengemeinschaft organisieren. 

Aufgrund der unterschiedlichen Rückmeldungen zur Umsetzung des Wechselunterrichts wird die Staatsregierung dazu aufgefordert, den Schulen baldmöglichst ein stärkeres pädagogisches Unterstützungsangebot für die besonderen Herausforderungen des Wechselunterrichts zur Verfügung zu stellen und für die Videozuschaltung praxistaugliche Datenschutzvorgaben zu entwickeln. Um dem weiteren Entstehen coronabedingter Lernlücken effektiver entgegenzuwirken, soll sie eine Krisen-Bewältigungsstrategie mit folgenden Eckpfeilern umsetzen:

  • Erstellung eines Informationsportals wie zum Beispiel www.wechselunterricht.bayern.de mit Umsetzungsvorschlägen, die an verschiedenen Schulen erfolgreich eingesetzte Konzepte und Methoden aufgreifen. Hierbei sollen den Lehrkräften besonders die Chancen für den Einsatz moderner Lernformen, wie Blended Learning, und entsprechenden Lernmethoden wie "Flipped Classroom"-Konzepte für ihre Unterrichtsfächer nähergebracht werden. 
  • Schaffung einer speziell auf Flipped-Classroom-Konzepte und die jeweiligen Lehrpläne zugeschnittenen, unterstützenden Materialsammlung mit hochwertigem Unterrichtsinhalten für die Lernphasen zuhause, damit sich die Lehrkräfte in den Präsenzphasen auf die Einübung und Festigung des zuhause gelernten Stoffes und die individuelle Förderung jedes einzelnen Schülers konzentrieren können. Dazu ist in einem ersten Schritt auch eine geeignete Schnittstelle in Mebis für private Schulbuch- und Contentanbieter zu schaffen.
  • Weiterentwicklung der Fortbildungsangebote für digitalen Unterricht - insbesondere bezüglich des Wechsels von Präsenz- und Distanzarbeitsphasen. Dazu soll die neu geschaffene Stabsstelle für "Medien.Pädagogik.Didaktik." der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen Unterrichtsmethoden wie "Flipped Classroom" nicht nur häufiger inhaltlich aufgreifen, sondern auch verstärkt neben reinen eSessions auf Angebote setzen, die in der Lernform des Blended-Learnings mit Präsenzphase organisiert sind. Außerdem sollen "Lehrer schulen Lehrer"-Angebote im Bereich der digitalen Bildung verstärkt werden. Insbesondere für die Unterstützung der schulinternen Lehrerfortbildung (SCHILF) sollen unverzüglich weitere Anrechnungsstunden bereitgestellt werden. 

Als Chance aus der Krise gilt es langfristig, den Schulen mehr Freiheiten beim Einsatz neuer Konzepte und Methoden zu lassen. Das Leitbild der "Eigenverantwortlichen Schule" muss gerade bei der Unterrichtsgestaltung mit mehr Leben gefüllt und weiterentwickelt werden: Aus KMS-gesteuerten Vorgabenumsetzern sollen Freigestalter-Schulen werden! So kann ein selbstlernendes, innovatives Schulsystem geschaffen werden, bei dem laufend neue Ideen kreiert, weiterentwickelt und erprobt werden können. An den Schulen soll eine angstfreie Innovationskultur entstehen!

 

Begründung

Gesplittete Klassengemeinschaften in Präsenz- und Daheimlerner werden für den Sozialraum Schule oft zur Gerechtigkeitsfrage. Im Vergleich zur Überholspur für die Präsenzschüler gibt es ohne gute didaktische Vorbereitung kein Weiterkommen für die Daheimlerner. Deshalb braucht es ein auf diese Herausforderung abgestimmtes Unterstützungsangebot mit Rückgriff auf Ansätze des "Blended Learnings" (1). Methodische Impulse und hochwertige Inhalte zum Einsatz moderner Konzepte - wie "Flipped-Classroom" (2) - müssen bayernweit gegeben und bereitgestellt werden. Schulbuch- und Contentanbieter können hier einen wertvollen Beitrag leisten. Das Fortbildungssystem muss dazu flankierend weiterentwickelt werden. Dadurch entlastete Lehrer können sich dann wieder um die Förderung auf Schülerebene kümmern. So lassen sich Lernlücken durch innovative Lösungen realistisch beheben.

Heute wie auch mittelfristig muss gelten: Die Lehrerschaft soll weniger Ressourcen in Such-, Findungs- und Bearbeitungskosten von passendem Material verwenden müssen. Die Lehrerschaft muss sich um das kümmern können, was ihre Kernaufgabe ist: Die Begabung jedes Schülers optimal zu fördern - auf allen verfügbaren und geeigneten Lehr- und Lernwegen. Dazu brauchen sie auch langfristig größere Freiheiten. Heute attraktiv und modern erscheinende Lernformen, wie das Blended Learning, können morgen schon wieder veraltet sein. Nur wenn unser Schulsystem insgesamt offener für frische Ideen wird, kann es am Puls der Zeit bleiben. Wenn der dafür nötige Reformprozess aufgrund der jüngsten Erfahrungen endlich angeschoben wird, kann die Schulfamilie insgesamt gestärkt aus der Coronakrise gehen.

 

(1) Blended Learning: "Lernmodell, in dem computergestütztes Lernen (z. B. über das Internet) und klassischer Unterricht kombiniert werden" Quelle: https://www.duden.de/rechtschreibung/Blended_Learning (abgerufen am 11.03.2021)

(2): "Flipped Classroom bedeutet: Die üblichen Aktivitäten inner- und außerhalb des Klassenzimmers werden umgedreht. Die Schülerinnen und Schüler eignen sich die von der Lehrkraft digital zur Verfügung gestellten Inhalte - etwa in Form von Lernvideos - eigenständig zu Hause an. Da im Unterricht nicht in ein neues Themengebiet eingeführt werden muss, steht die "gewonnene" Zeit zur Verfügung, um die Kinder und Jugendlichen gezielt zu unterstützen und individuell zu fördern. Der Unterricht kann stärker für die Übung, Anwendung und Reflexion des Gelernten genutzt werden. " Quelle: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/flipped-classroom-zeit-fuer-deinen-unterricht/ (abgerufen am 11.03.2021)