Bildungschancen aus der Krise II: Unterschiede erkennen und individuell fördern

Dringlichkeitsantrag der Abgeordneten Martin Hagen, Matthias Fischbach, Julika Sandt, Alexander Muthmann, FDP (Fraktion)

 

Der Landtag wolle beschließen:

Der Landtag stellt fest: Die unterschiedlichen Voraussetzungen in Schulen und Elternhäusern haben sich während der Corona-Krise verstärkt auf den Bildungsfortschritt der Kinder ausgewirkt. Zahlreiche Studien gehen von einem Auseinanderdriften der Leistungsniveaus in der Schülerschaft aus. Auf diese zunehmende Heterogenität sollte daher im Sinne der Chancengerechtigkeit mit stärker individualisierten Unterstützungsangeboten reagiert werden. 

Daher soll die Staatsregierung unverzüglich eine Krisen-Bewältigungsstrategie mit den folgenden Eckpunkten umsetzen:

  • Vorbereitung einer umfassenden Lernstandserhebung, um individuelle Lernlücken und Unterstützungsbedarf bei Schülerinnen und Schülern zu erkennen. Dazu sollen den Lehrkräften ergänzend zu den üblichen Methoden kompetenzorientierte, digitale Diagnoseportale durch das Staatsministerium für Unterricht und Kultus landesweit zur Verfügung gestellt werden. Diese Portale, die beispielsweise schon von verschiedenen Schulbuchverlagen angeboten werden, sollen nach der Durchführung von Lernstandstests den Lehrkräften automatisch Fördermaterialien anzeigen, die genau auf die individuellen Schüler-Bedürfnisse zugeschnitten sind. Eine direkte Verknüpfung der Ergebnisse und Empfehlungen aus den Tools mit Lernmanagementsystemen bzw. -plattformen wie mebis sollte hierzu entwickelt werden.
  • Start einer Einstellungsoffensive bis zum Jahr 2025, um dem besonderen, krisenbedingten Förderbedarf entgegenzukommen. Hierbei sollen insgesamt mindestens 1.000 qualifizierte Lehrkräfte und auch weiteres Fachpersonal zusätzlich zur regulären Personalversorgung angestellt werden. Diese sollen schulartübergreifend und orientiert an dem zentral ermittelten Förderbedarf unterstützend zum Einsatz kommen. Aufgrund des einmaligen Lehrkräfte-Bedarfs zur Einführung des neunjährigen Gymnasiums bietet sich dieses Programm besonders zur frühzeitigen Personalgewinnung und -sicherung der hierfür benötigten Lehrkräfte an, soll die Staatsregierung aber durchaus darüber hinaus geeignetes Personal zur individuellen Förderung anwerben. Dies soll der entscheidende Förder-Baustein für unsere Schülerinnen und Schüler sein, den die bei der "Kinder und Jugendkonferenz" von der Staatsregierung angekündigten Maßnahmen noch ergänzen können.

Als Chance aus der Krise können die digitalen Diagnoseportale in Verknüpfung mit Lernmanagementtools als zentraler Bestandteil eines stärker individualisierten und modernen Schulsystems etabliert werden. Intensivierungs- und Förderkurse sollten in allen Bildungseinrichtungen zum Standardangebot gehören. Die bedarfsorientierte Zuteilung von Lehrkräften hierfür kann von einer einmaligen Einstellungsoffensive in ein Bildungsgutschein-Modell überführt werden. In diesem Modell wird sichergestellt, dass Geld zur Bildungsfinanzierung bedarfsgerecht den Schülerinnen und Schülern folgt und die Bildungseinrichtungen sich ihren dafür benötigten Personalpool frei zusammenstellen können. Das ist die Grundlage für ein vitales Schulsystem, das sich in einem kooperativen Wettbewerb zur Steigerung der Bildungsqualität ständig schülerorientiert fortentwickeln kann.

 

Begründung

Die Schülerinnen und Schüler finden nicht immer die optimalen Bedingungen zur Förderung ihrer Begabungen vor. Die Ursachen für diesen Umstand sind vielfältig und sehr breit angelegt. Als Beispiel sind hier die Lernlücken aufgrund des Lockdowns zu nennen. Konkrete Bewältigungsstrategien sollten die Potentiale der Schülerschaft aktivieren. Eine technologische Anwendung zur Erfassung von Entwicklungspotentialen kann Teil der Lernmanagementlösung sein. Gezielte Förderkonzepte gehen dabei Hand in Hand mit den Analysen der technisch möglichen Lösung. Der pädagogische Auftrag an die Schulen wird so verbindlicher und klarer. Schulen brauchen für die Umsetzung aber neben mehr Freiheiten auch deutlich mehr personelle Ressourcen. Diese Mittel und Möglichkeiten sollten die Schulen zunächst durch eine Einstellungsoffensive und dann durch sozial gestaffelte Bildungsgutscheine erhalten. Datenschutz, Fairness und Qualität müssen dabei die Ordnungsgedanken der Umsetzung sein. Die Rahmenbedingungen eines solchen kooperativen Wettbewerbs sind durch die Schulaufsichten zu sichern.