Bildungschancen aus der Krise III: Schüler nicht alleine lassen, sondern ihre Selbstentfaltung begleiten

Dringlichkeitsantrag der Abgeordneten Martin Hagen, Matthias Fischbach, Julika Sandt, Alexander Muthmann, FDP (Fraktion)

Der Landtag wolle beschließen:
 

Der Landtag stellt fest: Schülerinnen und Schüler als auch ihre Bezugspersonen sind durch die Auswirkungen der Coronapandemie erheblich gefordert. Manche Schüler stehen durch die Corona-Maßnahmen weiter im sozialen Abseits als Schüler mit starken Ressourcen aus dem persönlichen Umfeld. Studien deuten darauf hin, dass psychische Auffälligkeiten seit Beginn der Corona-Krise bei den Schülerinnen und Schülern zugenommen haben.

Daher soll die Staatsregierung unverzüglich eine Krisen-Bewältigungsstrategie mit den folgenden Eckpunkten umsetzen:

  • Umfassende Stärkung von Mentoring-Programmen, bei denen einzelnen Schülern ein Erwachsener begleitend zur Seite gestellt wird. Dies kann bayernweit nach den Erfolgsfaktoren des in einer kürzlich erschienenen ifo-Studie analysierten Programms "Rock Your Life" organisiert werden. Während das System der Tutoren innerschulische Vorbilder liefert, soll es ein Mentoring-Programm schaffen, auch Vorbilder für die Zeit nach der Schule zu anzubieten.
  • Förderung niedrigschwelliger Hilfsangebote für psychisch belastete oder bedrohte Schüler, die jederzeit und auch über Messenger-Dienste erreichbar und mit professionell geschulten Personal ausgestattet sind. So werden auch stille Hilferufe möglich, deren Bedarf durch den großen Erfolg von Angeboten wie krisenchat.de deutlich geworden ist. Diese Anlaufstellen können und sollen mit bereits bestehenden Strukturen, wie den Krisen-Hotlines, dem staatlichen Schulberatungswesen (Schulpsychologen, Beratungslehrer, Sozialpädagogen, etc.) und weiteren professionellen Hilfsangeboten, eng vernetzt werden. 
  • Weitere Sensibilisierung der Lehrkräfte für die soziale und emotionale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Hierzu soll kurzfristig insbesondere eine entsprechende Fortbildungs- und Informationskampagne aufgelegt werden.
  • Gezielte und intensivierte Unterstützung der Schulen und Sachaufwandsträger bei der Bereitstellung Corona-konformer Ganztagsangebote, um den Kindern auch nachmittags noch Begleitung und Förderung verfügbar zu machen. 

Als Chance aus der Krise soll langfristig ein Pool an Lern-Buddys in enger Abstimmung mit bestehenden Anbietern von Mentoring-Programmen aufgebaut werden, der als dauerhafte Struktur jedem Schüler in Bayern auf Wunsch eine Teilnahme ermöglicht. Das Netz der staatlichen Schulberatung muss weiter gestärkt, nachvollziehbarer strukturiert und auch mit Hilfe der digitalen Möglichkeiten einfacher zugänglich gemacht werden. Darüber hinaus soll die Staatsregierung prüfen, inwiefern eine Teilnahme an der OECD-Studie zu sozialen und emotionalen Skills noch möglich ist und prüfen, wie diese Dimensionen langfristig eine stärkere Rolle in Schulentwicklungs- und Evaluationsprozessen spielen können. Ganztagsangebote sollen weiter durch einen Rechtsanspruch gestärkt werden, der unabhängig der Entwicklungen im Bund von Bayern selbst vorangetrieben werden sollte. Dazu ist die Struktur der bisherigen Angebote (offener, gebundener Ganztag, Mittagsbetreuung) grundsätzlich zu evaluieren und die Förderung attraktiver für die Sachaufwandsträger zu gestalten. Auf die Erfahrungen aus dem Modellversuch „Kooperative Ganztagsbildung“ sollte aufgebaut werden und die Förderstrukturen des Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales und des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus zu einem Bildungsgutscheinmodell zusammengeführt werden. Dieses soll eine eigenverantwortliche und schülerorientierte Gestaltung der Angebote vor Ort ohne komplizierte Genehmigungsprozesse und Abgrenzungsprobleme ermöglichen.

 

Begründung

Mentoring ist nach einer ifo-Studie der Schlüssel Bildungsgerechtigkeit zu realisieren. Motivation und Lebenszufriedenheit der Mentees hängen eng mit der Qualität des Mentoring zusammen. Die Gegenüberstellung von Einsatz und Wirkung verdeutlicht. Es handelt sich hierbei um eine lohnende Investition in die Zukunft. Mentees können dabei einen sehr starken Nutzen davontragen. Allerdings hat Mentoring auch für die Gesellschaft einen hohen Wert. Die Zusammenarbeit der Mentoren und Mentees bzw. das Lernen zwischen Generationen stärkt das Miteinander nachhaltig. Das muss der Staatsregierung schon heute die Investition in die Zukunft der Schüler- bzw. Gesellschaft wert sein. Internate greifen schon lange mit Erfolg auf das Mentoring zurück. Näheres zur kürzlich erschienen ifo-Studie findet sich unter: https://www.ifo.de/node/61481

Niedrigschwellige Hilfsangebote wie krisenchat.de, die auch über Messenger-Dienste erreichbar sind, haben nach eigenen Angaben schon über 10.000 Schülerinnen und Schülern in der Krise helfen können. Doch die Kapazitäten dieser privaten Initiativen sind beschränkt, weshalb eine entsprechende Förderung und Verzahnung wichtig und sinnvoll ist.

Der Förderung sozialer und emotionaler Skills wird nicht allein durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie eine größere Rolle zukommen müssen. International wird bereits intensiver seitens der OECD an diesem Thema gearbeitet - bislang ist weder ein Bundesland noch die Bundesrepublik Deutschland selbst daran beteiligt: https://www.oecd.org/education/ceri/social-emotional-skills-study/about/ 
Generell sind die Lehrkräfte auf soziale und emotionale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen zu sensibilisieren, aber auch langfristig die gesamte Schulentwicklung darauf auszurichten, diese Aspekte stärker zu berücksichtigen.

Corona und seine Auswirkungen sind für viele Menschen eine prägende Erfahrung. Das betrifft besonders Schülerinnen und Schüler aller Schularten. Nicht selten kann das der Ausgangspunkt seelischer Krisen sein. In vielen dieser Fällen bleibt der Zeitraum für Interaktion durch die Hilfeteams oft klein. Daher müssen sich Betroffene im Notfall durch stumme Hinweise Hilfe holen können. Messenger-Dienste schließen hier die Lücke zu den hörbaren Anrufen. Videosprechstunden können langfristig helfen Probleme schneller und besser zu erkennen und dann auch die potentiellen seelische Krisen durch professionelle Teams abzufangen.

Zur weiteren Förderung der Kinder mit schwierigem häuslichem Hintergrund haben sich Ganztagsangebote als effektiv bewiesen. Sie müssen als Stütze auch in der Krise erhalten und gestärkt, aber auch langfristig ausgebaut und flexibler angeboten werden können.