GanztagsBILDUNG statt nur Betreuung: Jedes Kind verdient es, über den ganzen Tag optimal gefördert zu werden

Positionspapier des bildungspolitischen Sprechers Matthias Fischbach

Jedes Kind entwickelt sich auf seine ganz eigene Art und Weise. Wir wollen deshalb den Entdecker- und Erfindergeist in unseren Kindern wecken und ihre freie Entfaltung in jeglicher Hinsicht unterstützen. Dazu müssen wir Schulen viel stärker als Sozial- und Lebensraum begreifen und in diesem Umfeld individuelle Angebote zur optimalen Förderung organisieren. Unabhängig vom Elternhaus verdienen es alle Kinder über den ganzen Tag verteilt optimal gefördert zu werden. In Bayerns Schullandschaft ist deshalb ein gutes Ganztagsangebot eine Frage der Bildungschancen.

Wir setzen dabei auf mehr Chancen durch mehr Freiheit.

Die Ausgangslage:

Bayern lässt jedoch in dieser Beziehung viele Chancen ungenutzt und liegt beim schulischen Ganztag bundesweit auf dem letzten Platz[1]. Selbst wenn man die reine Mittagsbetreuung mit einbezieht, gibt es aktuell lediglich für ein Drittel der Grundschüler ein schulisches Ganztagsangebot[2]. Schätzungen gehen von mehr als dem doppelten Bedarf aus. Dieser Mangel erschwert auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spürbar. Seit einigen Jahren stockt zudem in Bayern der Ausbau an neuen Angeboten. Manche Regionen sind so gut wie gar nicht versorgt – obwohl bereitstehende Mittel im Staatshaushalt zu großen Teilen nicht abgerufen werden, wie sogar der ORH anmerkte. Ebenso hatte Bayern aus dem aktuellen Investitionsprogramm des Bundes bis Ende Oktober lediglich 27,4 Millionen Euro von verfügbaren knapp 117 Millionen Euro gebunden. Es zeigt sich deutlich, dass es statt attraktiver Rahmenbedingungen einen komplizierten Dschungel an bürokratischen Fördersystemen gibt. Nicht zuletzt erschweren die sich überschneidenden Zuständigkeiten von Sozial- und Kultusministerium ein aufeinander abgestimmtes, ganztägiges Angebot aus einer Hand. Selbst das aktuell laufende Modellprojekt "Kooperativer Ganztag" überwindet diese Grenzen oft nur oberflächlich.

In Bayern gab es Wahlfreiheit bisher nur in Richtung „Halbtagsschule“. Wir Freie Demokraten fordern jedoch eine echte Wahlfreiheit zwischen dieser und unterschiedlichen Ganztagsformen. Nun haben Bundesrat und Bundestag nach zähem Ringen einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter beschlossen, der zwischen 2026 und 2029 auf alle Klassenstufen in der Grundschule ausgeweitet werden soll. Die Möglichkeit, weitergehende Qualitätsstandards für den Ausbau der Ganztagsbetreuung im Rahmen des neuen Rechtsanspruchs zu setzen, hat die Große Koalition aber mit dem neuen Ganztagsförderungsgesetz (GaFöG) bedauerlicherweise nicht ausreichend genutzt. 

Unser Ziel:
Uns Freien Demokraten im Bayerischen Landtag ist das zu wenig und zu langsam. Gerade nach den Einschränkungen der Corona-Krise kann Ganztag ein Schlüssel zur ganzheitlichen Förderung sein – nicht nur, aber auch zum Schließen von Lernlücken. Wir geben uns daher nicht mit Ganztagsbetreuung zufrieden, unser Ziel ist Ganztagsbildung.

Mit unserem liberalen Ganztagskonzept wollen wir Chancen und Gerechtigkeit in der Bildung wieder steigern. Dabei muss die Qualität der Angebote im Mittelpunkt stehen. Wir möchten jeder Schülerin und jedem Schüler in Bayern bis zur 6. Klasse mit ganztägig rhythmisiertem Unterricht kindgerechte und individuelle Bildungsangebote ermöglichen und somit die Bildungskomponente in der Ganztagsförderung langfristig und nachhaltig weiterentwickeln. Wenn sich klassischer Unterricht mit körperlicher oder künstlerischer Betätigung abwechselt, trägt das nicht nur zur Auflockerung, sondern zur Abrundung des Lernerfolgs bei. Bei Ganztagsbildung geht es nicht allein darum, Wissen zu vermitteln, sondern Kreativität, Selbst- und Körperbewusstsein zu fördern. Denn auch das unterstützt wiederum die kognitiven Lernprozesse. Dazu sollen insbesondere lokale Vereine, Musikschulen und weitere Kooperationspartner für ein hochwertiges Angebot aktiv eingebunden werden.

Anstelle von starren Vorschriften und zähen Förderprogrammen setzen wir auf einen Wettbewerb der Ideen um die besten pädagogischen Konzepte. Denn guter Ganztag ist mehr als nur Betreuung. Er soll ein Raum sein, in dem sich Kinder wohlfühlen, sich entfalten und bestmöglich gefördert werden. Klare Zuständigkeiten aus einer Hand und einheitliche Finanzierungsinstrumente in Anbetracht des bevorstehenden Ausbaus der Ganztagsangebote sind maßgeblich, damit wir einen Ganztag im Sinne der Kinder umsetzen können.

Wir wollen dazu die engen Schablonen der aktuellen Angebote (offener und gebundener Ganztag) aufbrechen und die Schülerinnen und Schüler ganzheitlich in den Blick nehmen. Wir wollen nicht Gruppen fördern, sondern Kinder mit ihren individuellen Voraussetzungen. Entscheidend sind für uns nicht starre Umsetzungsvorgaben bis ins letzte Detail. Vielmehr soll Ganztag in all seinen Schattierungen frei nach den Vorstellungen der Beteiligten vor Ort gestaltet werden können. Am Ende zählt eine klare Ergebnisorientierung, die Freiheit und Verantwortung zusammenführt. Es geht nicht nur darum, Vorschriften zu kontrollieren, sondern darum Fortschritte zu evaluieren und den Eltern die Möglichkeit zu geben, selbst das beste Angebot auszuwählen.

Wir möchten den Handlungsdruck durch den bundesweiten Rechtsanspruch deshalb als eine Chance betrachten, indem wir diesen in Bayern nicht nur halbherzig im Rahmen des bestehenden Systems umsetzen. Stattdessen wollen wir diesen als Initialzündung für eine große Ganztagsreform nutzen, die Bayern vom Schlusslicht in die Spitzenposition bringt. Langfristig soll sich die Förderung des schulischen Ganztags dazu anhand zweier Komponenten bemessen und ansonsten einen großen Gestaltungsfreiraum in jeglicher Form ermöglichen:

  1. Der Erreichung breit gefasster Bildungsziele und 
  2. Der Erfüllung des individuellen Betreuungsauftrags 

Parallel dazu gilt es, den quantitativen Ausbau und den dazu nötigen Personalaufbau mit aller Energie voranzutreiben, bevor die durch den Rechtsanspruch entstehende, bundesweite Nachfrage das verfügbare Angebot weiter verknappt. Die Zeit, um nötige Qualifikationen sowie Fort- und Weiterbildungen in ausreichendem Umfang aufzubauen, läuft außerdem aus. Eine deutliche Beschleunigung der Anstrengungen in dieser Richtung ist daher dringend geboten.

Unser Weg dorthin:
Die Umstellung des bestehenden Systems zu einer neuen Förderung anhand der Bildungs- und Betreuungskomponente erfordert ein schrittweises Vorgehen.

Die in Bayern besonders etablierte Mittagsbetreuung wird aufgrund der Qualifikationsanforderungen in der aktuellen Form den Rechtsanspruch nicht mehr erfüllen können. Im ersten Schritt wollen wir daher das bisherige Angebot an Mittagsbetreuung näher an das der Horte heranführen und die Basis für einen qualitativen und quantitativen Ausbau legen. Dazu schaffen wir eine Weiterentwicklung des Systems zur schulischen Ganztagsbetreuung, das sich in der Finanzierung ähnlich der Gewichtungsfaktoren im BayKiBiG (Bayerisches Kinderbildungs- und -Betreuungsgesetz) an den Kindern, ihrem Förderbedarf und ihrem sozialen Hintergrund orientiert. Diese soll in direkter Anbindung an die Schule oder im schulischen Umfeld stattfinden und deshalb auch zur staatlichen Aufgabe erklärt werden. Die schulische Ganztagsbetreuung unterliegt damit der Schulaufsicht und liegt in der Zuständigkeit des Kultusministeriums. Eine besondere Rolle sollen in diesem Ganztagsangebot die örtlichen Vereine einnehmen, die mit dem bereitgestellten Budget aktiv in die Tagesgestaltung zum Beispiel durch Sport-, Musik- oder Kulturangebote eingebunden werden können. Eine enge Einbindung in den schulischen Kontext ist hierbei besonders wünschenswert und soll durch entsprechende Fortbildungen für Lehrkräfte gefördert werden.

Der Staat stellt in diesem Modell auch durch einen Finanzierungsbeitrag in Höhe der zu erwartenden Personalkosten einen attraktiven Anreiz zum aktiven Ausbau der Angebote sicher. Für die Übergangszeit können dabei auch in berufsbegleitender Fort- bzw. Weiterbildung befindliche Personen in reduzierter Form zum jeweiligen Fach- bzw. Personalschlüssel beitragen. Ergänzend dazu werden die Modellversuche zur Fachkraft und Ergänzungskraft für Grundschulkindbetreuung schnellstmöglich in das Regelangebot überführt, um das Ziel eines beschleunigten Ausbaus der Kapazitäten bis 2025 zu erreichen. Die vom Bund bereitgestellten Investitionsprogramme zum Ausbau der Ganztagsinfrastruktur müssen vom Freistaat sinnvoll ergänzt werden. Sie sollten schnell und unbürokratisch abgewickelt werden können. Anschließend soll die schulische Ganztagsbetreuung die Basis für Betreuungskomponente im langfristigen Ganztagsfördersystem bilden.

Das langfristige Modell der FDP-Fraktion zur Ganztagsförderung rückt darauf basierend die Bildungskomponente und Gestaltungsfreiheit in den Vordergrund. Dieses wollen wir wiederum mit einem eigenen, breit angelegten Schulversuch über drei Jahre entwickeln. Auf diesem Wege sollen Ansätze erprobt und evaluiert werden, auf denen aufbauend dann langfristig der bayernweite Rahmen ab 2025 gesetzt werden kann. Entscheidend ist dabei die Entwicklung eines möglichst umfassenden Bildungsbegriffs, der neben fachlichen Aspekten auch Charakterbildung und Kreativität in den Blick nimmt. Folglich soll es in dem Schulversuch darum gehen, damit verbundene Bildungsziele zu definieren und sinnvolle Kriterien für deren Erreichen zu erproben. Dazu wird zu Beginn des Versuchs ein schulspezifisches Gesamtkonzept entworfen, das dann fortlaufend wissenschaftlich und unabhängig evaluiert wird.

Mit der Zielerreichung soll dann eine Bildungsprämie verbunden werden, die das Budget aus dem System der schulischen Ganztagsbetreuung ergänzt, um zusätzliche Aufwände der Bildungskomponente des Ganztagsangebots abzudecken. Die teilnehmenden Schulen sollen im neuen Modell von weiteren Freiheitsgraden profitieren. Dazu können den Schulen neue Befugnisse in der Zusammenstellung und Anleitung ihrer Schulteams sowie praktische Budgethoheit für ein zur Gestaltung des Ganztags übertragendes Budget gewährt werden. Um die neuen Verantwortlichkeiten angemessen umsetzen zu können, sollen die Schulleitungen die hierfür notwendige Zeit sowie entsprechende Unterstützungs- und Fortbildungsangebote erhalten. Durch ein Modell, in dem die Finanzierung sich nicht weiter an der Gruppenzahl, sondern an den einzelnen Schülern und deren Erfolg orientiert, soll die optimale Förderung jedes Einzelnen eine übergeordnete Bedeutung erlangen. Diese kommt gerade dann zur Geltung, wenn sie mit größerer Wahlfreiheit bezüglich der Angebote verbunden ist. Die Genehmigung neuer Ganztagsangebote darf daher nicht mehr länger aufgrund bestehender Angebote verwehrt werden (Abschaffung Konkurrenzverbot).

Die bisherigen Angebote des offenen und gebundenen Ganztags an Schulen sind zu eng zugeschnittene Schablonen und stießen daher nur auf begrenztes Interesse vor Ort. Die dazugehörige Fördersystematik wurde ebenfalls vom Obersten Bayerischen Rechnungshof (ORH) bereits vor Jahren kritisiert. Deshalb sollen die Grenzen dieser Angebote geöffnet und diese schrittweise in das neue Modell überführt werden, das ein breites Spektrum an Ganztagsförderung ermöglicht. Ein späterer Beitritt zum Modellversuch soll darum möglich sein.

Die Ergebnisse des Schulversuchs und der Reformprozess sollen dann in einen erweiterten bayerischen Rechtsanspruch auf Ganztag münden und in ein einheitliches Fördersystem aus einem Guss übergehen, das bei Quantität und Qualität der Ganztagsbildung neue Maßstäbe setzt. Richtig umgesetzt bietet ein modernes Ganztagsangebot an einem rhythmisierten Schultag Chancen zur fachlichen und charakterlichen Bildung gleichermaßen. Wir wollen Ganztagsbildung so attraktiv und flexibel organisieren, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf der letzte Grund ist, warum Eltern sich dafür entscheiden.

Die Personalversorgung
Der Erfolg der Ganztagsreform hängt dabei aber nicht zuletzt an der Frage des dafür erforderlichen Personals. Deshalb fordern wir Freie Demokraten:

  1. Die Personalbindung durch attraktivere Arbeitsbedingungen zu verbessern. Dazu können z.B. individuell verhandelbare Verträge mit zusätzlichen Leistungsanreizen ermöglicht werden. Zusätzlich können flexible Arbeitsmodelle für das gesamte Schulteam und gut ausgestattete Arbeitsplätze zur Personalbindung beitragen. Im Rahmen des neuen Modells wird es für Lehrkräfte wie auch das sonstige pädagogische Personal möglich sein, die Arbeitszeiten im Laufe des Schultags besser zu verteilen. Die in den bisherigen Modellen oft gelebte Trennung zwischen Vormittag und Nachmittag entfällt damit, was nicht nur pädagogische Vorteile bringt.
  2. Dass zur Qualifizierung des nötigen, zusätzlichen Lehr- und Betreuungspersonals schnellstmöglich die entsprechenden Ausbildungskapazitäten in Bayern erhöht werden, deren Attraktivität (z.B. durch den Ausbau von OptiPrax) gesteigert und die Gegenfinanzierung für bestehende Ausbildungsangebote (z.B. von Fachakademien) verbessert wird.
  3. Dass als ergänzende Maßnahme zur Personalgewinnung Quereinsteigerprogramme mit umfassender pädagogischer Komponente für das Lehramt und Fachkräfte der Jugendhilfe mit relevanten Qualifikationen eingerichtet werden. So könnte zum Beispiel auch nach einem regulären Fach-Bachelor ein Pädagogik-Master direkt in den Vorbereitungsdienst des Lehramts führen, um erstklassige Quereinsteiger zu gewinnen.
  4. Eine leichtere Anerkennung ausländischer Abschlüsse im Sozial- bzw. - Erziehungswesen und Lehramt zu ermöglichen sowie zugehörige Nachqualifizierungsprogramme aufzusetzen. Die gezielte Anwerbung entsprechender Fachkräfte aus dem Ausland sollte in diesem Zusammenhang unverzüglich gestartet werden.
  5. Dass für Teilzeitkräfte Anreize gesetzt werden, die Arbeitszeit zugunsten des Ganztags zu erhöhen, beispielsweise durch die priorisierte Vergabe von Kinderbetreuungsplätzen, um die Mitnahme der eigenen Kinder an die Einsatzschule zu ermöglichen.
  6. Dass die Arbeit und das Miteinander von multiprofessionellen Teams an den Schulen durch mehr Handlungsspielräume (z.B. über einheitliche Personalbudgets) und Fortbildungen aller Mitarbeitenden im Bereich der kooperativen Zusammenarbeit gestärkt werden. Die Schnittstellen zur Jugend- und Sozialarbeit können in diesem Zusammenhang ebenfalls gestärkt werden.
  7. Die studienbegleitende und vergütete Anstellung Lehramtsstudierender stärker zu etablieren. Hier sollen die entsprechenden Fakultäten an den Universitäten aktiv mitwirken.